Wenn ein Kind klopft
Es gibt Frauen, die wissen, dass sie schwanger sind, bevor ein Test es zeigt. Sie sagen es nicht laut. Sie sagen es manchmal niemandem. Aber sie wissen es.
Es gibt auch Frauen, die etwas anderes spüren. Lange bevor sie schwanger sind, ist da schon etwas. Eine Anwesenheit, ein Klopfen, ein Wissen ohne Adresse. Sie können es nicht erklären, aber sie kennen es.
Was ich gelernt habe in den Jahren: Diese Frauen haben meistens recht.
Was vor dem Anfang da ist
In vielen alten Kulturen ist es selbstverständlich, dass ein Kind nicht erst entsteht, wenn die Eizelle befruchtet wird. Es ist schon vorher da. Es wartet. Es sucht. Manchmal über lange Zeit.
Man muss das nicht religiös verstehen. Man muss es auch nicht spirituell verstehen. Man kann es einfach so stehen lassen, wie viele Frauen es beschreiben: Da war etwas, bevor da etwas war.
Manche nennen es eine Seele. Manche nennen es ein Wesen. Manche haben kein Wort dafür und beschreiben nur ein Gefühl. Wichtig ist nicht der Name. Wichtig ist, dass es ernst genommen wird.
Warum manche Schwangerschaften kurz sind
Frühe Fehlgeburten sind häufig. Häufiger, als viele Frauen denken. Was die Medizin dazu sagt, ist meistens richtig — chromosomale Auffälligkeiten, hormonelle Lage, Statistik.
Was Frauen mir manchmal erzählen, ist etwas anderes. Sie sagen: Es war nur kurz da. Es wollte nur kurz hineinschauen. Es kommt wieder.
Ich kann nicht beweisen, dass das stimmt. Ich kann nur sagen, dass ich Frauen kennengelernt habe, die das gespürt haben — und dass viele von ihnen tatsächlich später wieder schwanger wurden, oft mit dem Gefühl, dass es dasselbe Kind ist.
Vielleicht ist das eine Geschichte, die Frauen sich erzählen, um den Verlust zu tragen. Vielleicht ist es mehr. Beides ist möglich, und beides hat seinen Wert.
Wie ein Kind willkommen geheißen wird
Ein Kind willkommen zu heißen ist nicht das, was viele denken. Es ist nicht, das Kinderzimmer zu streichen oder Namen zu suchen. Das sind die äußeren Vorbereitungen. Sie sind wichtig, aber sie sind nicht das.
Willkommen heißen heißt: zuhören. Auch wenn noch nichts da ist, was spricht. Eine Haltung einnehmen, die offen ist, ohne zu fordern. Eine Geduld, die nicht prüft.
Manche Frauen reden vor dem Schlafen mit dem Kind, das noch nicht da ist. Andere schreiben Briefe. Wieder andere gehen in die Natur und sind einfach still. Es gibt keine richtige Form. Es gibt nur die, die zu der Frau passt.
Was alle diese Formen gemeinsam haben: Sie machen Raum. Nicht im Bauch — der ist sowieso da. Sondern im Leben.
Wenn ein Kind kommt
Wenn ein Kind dann kommt, kommt es nicht klein. Es kommt mit allem, was es ist. Das, was wir als Säugling sehen, ist nur der Körper. Was darin lebt, hat von Anfang an seine eigene Größe.
Das erklärt, warum Neugeborene so empfindlich sind. Warum sie auf Stimmungen reagieren, bevor sie ein Wort verstehen. Warum sie weinen, wenn die Mutter weint, auch wenn niemand etwas erklärt hat.
Ein Säugling ist nicht ein Mensch im Werden. Er ist ein Mensch, der sich noch nicht selbst regulieren kann. Das ist ein Unterschied.
Was Frauen oft wissen, ohne es zu wissen
Was mir auffällt: Frauen wissen sehr viel über ihre Kinder, lange bevor diese da sind. Sie spüren, ob es ein Junge ist oder ein Mädchen. Sie haben Ahnungen über das Wesen. Manche träumen Gesichter, die sie später wiedererkennen.
Wenn man Frauen darauf anspricht, sagen sie oft: Das ist doch nur Einbildung. Das hat man sich eben gewünscht. Das wäre Zufall.
Manchmal ist es Einbildung. Manchmal nicht. Wer im Zweifel ist, vertraut lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.
Eine letzte Sache
Ich werde oft gefragt, ob ein Kind sich entscheidet zu kommen. Ob es wählt, wer die Eltern werden. Ob es weiß, was es tut.
Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, was ich gesehen habe: Dass Kinder oft genau in das Leben kommen, das sie zu brauchen scheinen. Auch in schwierige Leben. Auch in Leben, in denen man gedacht hätte, ein Kind hätte besser woanders angefangen.
Vielleicht wissen sie etwas, das wir nicht wissen. Vielleicht ist es auch einfach so, dass ein Mensch in das Leben hineinwächst, das ihm gegeben wird.
Beides spricht dafür, ein Kind ernst zu nehmen, lange bevor es da ist. Und ernst zu nehmen heißt, ihm zuzutrauen, dass es weiß, was es tut.
Kerstin Wilhelmina Tenn, Gründerin GM Synergy Blueprint. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung.